Zu schön für den Müll

Ökologisches Denken mit Mehrwert ist in der Tauschzentrale keine hohle Phrase – Und das seit mehr als 40 Jahren.

Der Blick für die Schönheit alter und gebrauchter Dinge muss verinnerlicht sein, ein Glitzern in den Augen, ein Kribbeln in den Fingern und Vorfreude, ja Neugierde auslösen, was es da alles zu sehen, zu befühlen und zu erstehen gibt.

Was für die KundInnen der Tauschzentrale in der Wiener Mariahilfer Straße anscheinend zutrifft, ist für Werner Kriessl, seit zwanzig Jahren Geschäftsführer dieser alt gedienten Institution, mehr Leidenschaft als Profession. Wenn eine Wohnungsräumung bevorsteht, dann spüre er „dieses Zucken in den Händen“, eine Art positiver Unruhe, „was wird’s da jetzt geben“. Eine Begeisterung, die er von seiner Mutter geerbt haben dürfte.

 Geschäftsidee durch eine Notsituation

Elisabeth Kriessl war es nämlich, die gemeinsam mit ihrer Freundin Hermine Konheiser bereits im Jahr 1966 begonnen hatte, die Tauschzentrale aufzubauen. Aus einer Not heraus – die damalige Zahnarztassistentin hatte ihren Job nach dem Tod ihres Chefs verloren – entstand die Geschäftsidee. Als Marktnische erwies sich das Angebot, gebrauchte Sachen preisgünstig weiterzuverkaufen, anfänglich besonders bei Kinderkleidung als genialer Einfall.

Schon nach einigen Jahren musste das kleine Lokal, damals in der Westbahnstraße beheimatet, sukzessive erweitert werden, bis schließlich eine Verkaufsfläche von 1.400 m2 erreicht war. 1998 erfolgte dann ein Standortwechsel in die Mariahilfer Straße, wo derzeit acht Angestellte in der Übernahme und Sortierung der Ware sowie der Betreuung der KundInnen tätig sind.

So einfach das Konzept der Tauschzentrale, so aufwändig gestaltet sich die Durchführung, erzählt Werner Kriessl. Nachdem die KundInnen ihre ausgedienten Sachen bei der Annahmestelle abgegeben haben, erfolgt die Preisschätzung, wobei die Hälfte des Verkaufspreises nach sechs Monaten an sie überwiesen wird.

 Run auf Markenartikel

Zwei Drittel des Warenangebots kann innerhalb eines halben Jahres verkauft werden. Bekleidung, besonders Markenware, gehe weg wie die warmen Semmeln, weiß Prokurist Kriessl. Im Speziellen die Kindersachen erwiesen sich als sehr begehrt. Schwieriger sei es mit dem saisonalen Angebot wie Pelzen und Ski-Kleidung, die nach dem Winter noch günstiger abverkauft werden müssen. Die absoluten Restposten werden um einen Euro verschleudert bzw. an karitative Organisationen gespendet.

Das Angebot in der Tauschzentrale ist so vielfältig wie die Kundschaft. Denn neben jenen, die auf die günstigen Preise finanziell angewiesen sind, kämen auch sehr viele Schnäppchenjäger, Altwarenfreaks, Flohmarktbegeisterte, SammlerInnen und modisch Unkonventionelle.

 Raritäten zu Okkasionspreisen

Von der Unterwäsche bis zum Mantel, von der Mütze bis zum Stiefel, vom Brautkleid bis zum Lodenjanker … Kleidung in allen Größen, für Klein und Groß und jede Gelegenheit gibt es ebenso wie Geschirr, Bücher, Kleinmöbel, Wohnaccessoires, Haushaltsgeräte, Radio, Fernseher, Filme, Bücher und massenweise Spielzeug. Viele der alten Dinge erweisen sich als Raritäten und Antiquitäten, für die anderswo der zehnfache Preis verlangt wird. In der Tauschzentrale spannt sich der Kostenbogen von 50 Cent bis 500 Euro, wobei zehn Euro den Durchschnittspreis bilden.

Insgesamt betrachtet erfüllt die Tauschzentrale mehrere Kriterien auf einmal: sozial, ökologisch und ökonomisch. Und das ist gerade in Zeiten wie diesen mehr als sinnvoll. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mit unserer Wegwerfgesellschaft so weitergeht“, sagt Werner Kriessl, „denn dann ist es bald mit der Menschheit insgesamt vorbei. Ein Umdenken ist dringend nötig!“

TZ-Tauschzentrale
Mariahilfer Straße 121b
1060 Wien
Tel.: 01/595242653
www.tz-tauschzentrale.at

(Dagmar Buchta/derStandard.at, Februar 2010)