Adelheid Ohlig: „Wenn ich eh nur kurz lebe, dann gut!“

Die Gründerin des Luna Yoga, unterrichtet jährlich in Wien – Im Interview erzählt sie, wie sie zu dieser Yoga-Art gekommen ist.

Die traditionellen Körpertechniken des Yoga sind mittlerweile auch in Europa ein allgemein bekannter Begriff. Aber Luna Yoga? Obgleich auch diese Art des Yoga seit mehr als zwanzig Jahren gelehrt und ausgeübt wird, ist sie nur wenigen Menschen bekannt. dieStandard.at wollte mehr darüber wissen und nahm den Wien-Aufenthalt der Gründerin, Adelheid Ohlig, zum Anlass, sie selbst zu fragen.

Dagmar Buchta: Was ist das Besondere an Luna Yoga? Ist es nur für Frauen?
Adelheid Ohlig: Nein, nicht nur für Frauen, ich unterrichte auch Männer, wenngleich ich sie nicht ausbilde. Das soll eine Frauendomäne bleiben. Beim Luna Yoga wird der weibliche Körper in den Mittelpunkt gestellt. Der Unterschied zum „normalen“ Yoga liegt vor allem darin, dass es um Körperkünste geht und nicht um Körperarbeit. Also um das Eingehen darauf, dass jeder Körper anders ist, jede Einzelne anders ist.

Dagmar Buchta: Und beim sogennanten „normalen“ Yoga wird nicht differenziert?
Adelheid Ohlig: Es wird so getan, als seien Frauen und Männer gleich. Seit ich 1967 während meines Studiums in Wien mit Yoga begann, begeisterte es mich. In den Ausbildungen in Deutschland, Kanada, Japan und Indien fehlte mir jedoch oft der Bezug zu meinem Frauenkörper. Immer wurde auf die gleiche Seele und den gleichen Geist hingewiesen und mir vermittelt, ich sei eben noch nicht so weit, noch zu sehr dem Diesseitigen verhaftet, wenn ich die Unterschiede zwischen Frau und Mann ansprach.

Dagmar Buchta: Heißt das, dass Sexualität ein Tabu darstellt?
Adelheid Ohlig: Im „normalen“ Yoga soll Sexualität vergeistigt werden, so dass kein Unterschied mehr zwischen den Geschlechtern besteht.

Dagmar Buchta: Und Luna, der Mond, steht also für den Menstruationszyklus?
Adelheid Ohlig: So kann man das nicht sagen, weil ja nicht der Zyklus jeder Frau exakt 28 Tage dauert. Aber es geht um das Zyklische, zudem Frauen einen besonderen Zugang haben. Der Mond als Symbol für die stetige Veränderung. Die unterschiedliche derzeitige Befindlichkeit der einzelnen Person, sie bestimmt selbst, welche Übungen ihr gut tun und wie oft sie diese wiederholen will. Deshalb Körperkunst und nicht Körperarbeit. Das subjektiv empfundene Wohlbefinden steht im Vordergrund.

Dagmar Buchta: Du beschreibst in deinen Büchern, dass durch Luna Yoga der weibliche Zyklus beeinflusst werden kann.
Adelheid Ohlig: Das Besondere des Luna Yoga sind die Fruchtbarkeitstänze, sie können Eisprung oder Blutung bei Frauen auslösen bzw. bei Männern Samenqualität und -quantität verbessern. Bei meiner israelisch-ungarischen Lehrerin Aviva Steiner lernte ich deren Gymnastik zur Beeinflussung des weiblichen Zyklus. Während dieser Lehrzeit verschwand meine Erkrankung und nachdem ich drei Jahre nicht menstruiert hatte, setzte bereits nach vier Tagen intensiven Übens meine Blutung ein.

Dagmar Buchta: Dir wurde Anfang der 80er-Jahre Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. War das der Auslöser zur Erfindung des Luna Yoga?
Adelheid Ohlig: Ich war damals Journalistin und Dolmetscherin. Es war ein Schock. Ich hatte schon jahrelang Yoga geübt, mich vegetarisch ernährt und gesund gelebt. Vielleicht zu dogmatisch, mit zuviel Zwang. Die Schulmedizin empfahl Gebärmutterentfernung. Das wollte ich nicht; ich entschied, es muss anders gehen, lockerer. Ich gab meinen Beruf auf, verließ Paris und probierte verschiedene Therapien aus. Ich wollte nicht ins Krankenhaus, da stirbt man, dachte ich. Ich mach‘ es lieber wie die Tiere, mich verkriechen und schauen, was sind meine Bedürfnisse. Was mach‘ ich gern, was mag ich im Moment? Ich tat nur das, worauf ich Lust hatte – zum Glück konnte ich mir das leisten – und das war wahrscheinlich die Lösung: Wenn ich eh nur kurz lebe, dann gut! Nach zwei Jahren war der Krebs weg.

Dagmar Buchta: Hast du während dieser Zeit schon Ausbildungen gemacht?
Adelheid Ohlig: Ja, ich habe auch schon unterrichtet. Und meine Lehrerin, die Körpertherapeutin Aviva Steiner, ermunterte mich zur Eigenständigkeit. Ich passte ihre Tänze dem Atemrhythmus an und wandelte sie in meditatives Üben ab. Außerdem kombinierte ich Körpertherapien und Bewegungselemente verschiedener Völker nach meinen Bedürfnissen. So entstand aus dem Verschmelzen der verschiedenen Aus- und Weiterbildungen das Luna Yoga.

Dagmar Buchta: Intuition und Selbstvertrauen im Vordergrund, dann ist auch die Aktivierung der Selbstheilungskraft möglich?
Adelheid Ohlig: Der gesamte Lebensstil ist natürlich wichtig: gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, Übungen … und vor allem die Lust am Leben. Lachen ist heilsam. Und wissen, dass Körper, Geist und Seele eine Einheit sind.

(Dagmar Buchta/dieStandard.at, 20.04.2005)