Maria Hanl: „Was passiert da?“

Die Reflexion über Mikro- und Makro-Systeme steht im Fokus ihres Werkes, das aktuell in einer Ausstellung zu sehen ist. Die Künstlerin Maria Hanl im Interview.

Es könnte ironisch gemeint sein. Oder falsche Bescheidenheit ausdrücken. Wenn Maria Hanl sagt: „Meine Arbeit handelt vom normalen Leben“, dann klingt das (zu) trivial. Diese Aussage beschreibt jedoch das Werk der Künstlerin tatsächlich punktgenau, indem sie den Bedingungen des Alltags auf den Grund geht und Fragen aufwirft, die uns alle betreffen. In ihren Arbeiten geht es vorrangig darum, welche Rollen der Mensch – als Subjekt und Objekt, Frau und Mann – in verschiedenen Systemen einnimmt.
Derzeit ist Maria Hanl mit ihrer Ausstellung <wünschen woran wir nicht glauben> in der Künstlerhaus Passage vertreten. Im Interview mit Dagmar Buchta berichtet sie über ihr (aktuelles) Werk, gesellschaftliche Zwänge und Handlungsmuster und was es heißt, im Kunstbetrieb als Frau wahrgenommen zu werden.

Dagmar Buchta: In Ihren bisherigen Arbeiten beschäftigten Sie sich mit dem kapitalistischen System, in dem nicht nur der Konsum von Waren propagiert, sondern auch der Mensch selbst zur Ware degradiert wird. Worum geht es in der aktuellen Ausstellung?
Maria Hanl: „wünschen woran wir nicht glauben“ thematisiert die Stabilität von Systemen. Normalerweise gehen wir davon aus, dass ein System stabil ist und auch nach einer äußeren Beeinflussung in seinen Ursprungszustand zurückkehrt. Das vermittelt eine gewisse Sicherheit, die das menschliche Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung befriedigt. Die Frage ist aber: Was passiert, wenn ein anscheinend stabiles System mehr und mehr instabil wird oder sogar einstürzt?

Dagmar Buchta: Mit welchen Techniken setzten Sie das um?
Maria Hanl: Ich entwickelte mehrere Modelle, zum Beispiel die Installation „stabilize me“. Das ist eine räumliche Anordnung von ineinander verkeilten Holzstäben, die in Beziehung zum Raum und meiner Körpergröße stehen. Hier wird sichtbar, dass ein gut gestütztes System zwar nicht so leicht zum Einsturz kommt, jedoch schon durch geringe Einflussnahme von außen verändert werden kann. Im Video „stability“ zeige ich eine nicht näher definierte räumliche Situation, an deren Wand das geschriebene Wort ‚stability’ langsam abbröckelt, bis nur mehr ein Fragment übrig bleibt. Eine andere Annäherung an das Thema ist  „build a concret house for me, please“. Dabei handelt es sich um die Aufforderung an die BesucherInnen aus 26 Betonplatten ein Haus zu bauen. Der Plan dafür ist vorgegeben, er orientiert sich an einem Kartenhaus, wodurch der feste, schwere Beton eine neue Lesart erhält. Diese Arbeiten sind äußerlich sehr formal, haben aber dennoch einen menschlichen Fokus.

Dagmar Buchta: Der wäre?
Maria Hanl: Bei „build a concrete house form me, please“ war klar, dass das Haus nur ein einziges Mal gebaut werden kann, da die Betonplatten zerbrechen, sobald es in sich zusammenstürzt. Diese Spannung – hält es – hält es nicht? – war bei der Eröffnung für alle sichtbar und erlebbar. Auch für mich war das sehr spannend, denn ich habe die Kontrolle aus der Hand gegeben. Letztendlich wusste ich nicht, wie die Installation nach dem Eröffnungsabend aussehen wird. Oder bei dem Video „das erlernen statische instabilität durch dynamik zu stabilisieren“, das die Balance zwischen Sicherheit, Statik, Offenheit und Beweglichkeit behandelt. Ich habe dafür den Ablauf der ersten Schritte meiner jüngsten Tochter auf zweihundert Blätter gemalt und zu einem Trickfilm montiert.

Dagmar Buchta: Bleiben wir beim Begriff Dynamik: In früheren Arbeiten wie „alles ware“, „lost in paradise“ und „always young and sexy“ thematisieren Sie die „Welt als einen einzigen Shoppingcenter“, in der der Mensch, obwohl Mitgestalter auch Opfer ist, indem auch sein Körper – speziell der weibliche – kommerzialisiert wird. Gibt es Möglichkeiten, der Konsumwelt zu entfliehen?
Maria Hanl: Ich glaube nicht, dass man entkommen kann. Es gibt keine Alternative, denn auch die Öko-Bio-Schiene ist mittlerweile ein Markt. Alles wird zum Produkt. Aber mir geht es gar nicht ums Entfliehen oder Verweigern, sondern ums Reflektieren, wie es funktioniert.

Dagmar Buchta: Im Zyklus „Aus der Schusslinie“ setzen Sie sich mit möglichen Handlungsmustern von Frauen als Antwort auf gesellschaftliche Zwänge auseinander. Bedeutet für Sie Flucht Handlungsverweigerung?
Maria Hanl: Nein, Flüchten ist eine Möglichkeit von vielen.

Dagmar Buchta: Heißt das, sich wehren so wie in Ihrer Arbeit „frauen mit revolver“ wäre auch eine Möglichkeit des Handelns?
Maria Hanl: Bei der Revolver-Serie ging es darum: Wie fühlt sich das Halten eines Revolvers für die jeweilige Frau an, die ich porträtierte. Dabei ging es um Fragen zur eigenen Position zwischen Stabilität und Labilität. Wie weit artikuliere ich meinen Unmut über äußere Zwänge wirklich? Die Porträtierten drücken durch ihre Mimik diesen inneren Konflikt aus.

Dagmar Buchta: Somit stünde die Serie „hände hoch“ für Resignation?
Maria Hanl: Nicht unbedingt, eher für Handlungsunfähigkeit.

Dagmar Buchta: Glauben Sie, dass Frauen gesellschaftlich bedingt „handlungsunfähiger“ sind als Männer?
Maria Hanl: Spätestens, wenn Kinder da sind, können es sich Frauen nicht mehr so leicht richten.

Dagmar Buchta: Und sonst hätten sie die gleichen Möglichkeiten?
Maria Hanl: Nein. Es gibt die gläsernen Decken, die geringeren Budgets usw., also die systembedingten Beschränkungen. Und auf der anderen Seite nehmen sich Frauen nicht das, was ihnen zustehen würde. Sie werden zur Bescheidenheit erzogen, so sozialisiert, das ist ja nicht angeboren.

Dagmar Buchta: Stört es Sie als Frau wahrgenommen zu werden?
Maria Hanl: Nein, aber wenn ich in manchen Situationen lieb schauen und lächeln würde, dann wäre es manchmal leichter. Dann müsste ich nicht so vieles selbst machen. Oder wenn ich die sexy Schnitte wäre. Aber das liegt mir nicht, so das Hascherl mimen, da mache ich mir die Sachen lieber selber.

Dagmar Buchta: Und im Kunstbetrieb? Bekommen Sie es da zu spüren, eine Frau zu sein?
Maria Hanl: Ich denke, da gibt es auch sehr viele Mechanismen, die gar nicht so offensichtlich sichtbar sind. Ich erinnere mich an einen Förderantrag beim BMUKK, wo es geheißen hat, das wäre ein typischer „Frauenantrag“, denn ein Mann würde für das gleiche Projekt dreimal so viel veranschlagen… Bekommen haben wir die Projektförderung jedenfalls – aus welchem Grund auch immer – trotzdem nicht.

Dagmar Buchta: Viele Ihrer Arbeiten, besonders deutlich bei „sexcollection“, erwecken den Eindruck feministischer Kritik. Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Maria Hanl: Ich finde, ich muss nicht extra darauf hinweisen.

Dagmar Buchta: Ist Ihre Kunst ein Ventil für patriarchal-kapitalistische Zumutungen?
Maria Hanl: Nein, sie ist eine Form permanenter Weiterbildung, eine Art Selbststudium. Kein psychohygienischer Aspekt, ich fühle mich dadurch nicht besser. Sondern es geht darum, Dinge, die mich beschäftigen, auf anderer Ebene sichtbar zu machen.

Dagmar Buchta: Dafür setzen Sie verschiedene Techniken ein. Haben Sie ein Liebkind?
Maria Hanl: Nein, die Darstellungsart hängt von der Fragestellung ab. Ich suche nach Zugängen, wie ich mich dem jeweiligen Thema nähern kann. Die Herausforderung dabei ist, immer wieder neue Techniken zu lernen. Ich komme ja von der Malerei, bewegte mich dann zu Installation und Video… und bei der letzten Arbeit (Kartenhaus, Anm.) habe ich erstmals Beton gegossen.

Dagmar Buchta: Eine letzte Frage, die nie ein Mann gestellt bekommt: Wie schaffen Sie es als dreifache Mutter, Ihre Kunst mit den familiären Anforderungen zu vereinen?
Maria Hanl: Es ist halt ein Spagat. Ich gehe in der Früh ins Atelier so wie andere ins Büro. Bis zum Nachmittag sind die Kinder in Kindergarten und Schule. Anstrengend ist es schon und es gibt Phasen des Zweifelns. Andererseits, das ist das normale Leben, und meine Arbeit handelt vom normalen Leben.
(Dagmar Buchta/dieStandard.at, 13.09.2012)

Weitere Infos über die Künstlerin finden Sie auf der Homepage http://www.mariahanl.com.