Vom „Lobaufetzerl“ zum Oben-ohne-Trend

Die Bademode spiegelte in Wien auch immer die gesellschaftlichen Codes wider.

Zu körperbetont, zu wenig Stoff, zu klein: Bademode sorgte in der Stadt schon immer für Diskussionen. Besonders im 19. Jahrhundert ging es in Wien noch sehr züchtig und unbequem zu. Vor allem Frauen mussten sich diversen Strapazen unterziehen, wenn sie etwa am Donaukanal schwimmen wollten. Damit der Wasserauftrieb die Beine nicht freigab, griffen sie zu drastischen Hilfsmitteln: An den Baderöcken wurden Gewichte angebracht.

Erst um 1900 änderte sich die Bademode und diverse Badeanstalten und Strände mutierten zu Laufstegen aktueller Körperästhetik. Eine wichtige Rolle spielten dabei die AnhängerInnen der Lebensreform, zu denen in Wien etwa Florian Berndl, der Gründer des Gänsehäufels, zählte. „Licht, Luft, Sonne“ hieß das Kontrastprogramm zu verschlossener Badekleidung, und schon bald waren die ersten Nacktbadenden an der Donau und in der Aulandschaft der Lobau unterwegs. Um die Polizeikontrollen in den 1930er-Jahren zu umgehen, wurde das so genannte „Lobaufetzerl“ entworfen: ein Ministück schlichten Stoffs, mit dem das Geschlecht notdürftig verdeckt blieb.

„Oben ohne“ in Wien

Mit Erfindung des Bikinis im Jahr 1946 durch den französischen Designer Louis Renard änderte sich die Damenmode noch einmal grundlegend: Der einteilige Badeanzug, bislang für Frauen die Badebekleidung schlechthin, wurde dadurch zur weniger genutzten Alternative. In den frühern 1980er-Jahren fiel dann auch der Oberteil des Bikinis in den Wiener Bädern. Die „Oben ohne“-Bewegung kam ursprünglich aus Frankreich und sorgte für Gesprächsstoff bei den WienerInnen.

Ausgangspunkt der Wiener „Oben ohne“-Bewegung war das 1923 eröffnete Krapfenwaldl in Döbling. Wiens Bäderverwaltung reagierte damals recht pragmatisch: Mittels affichierten Plakaten konnte man sich informieren, wo man als Frau in Wien „Oben ohne“ gehen konnte. So gesehen sind Diskussionen über Badetextilien bei Frauen und Männern eigentlich gar nicht so neu. Mittlerweile ist erlaubt, was gefällt – und Bäder sowie Strände als Laufstege funktionieren besser denn je. (dabu)