Scientific Skin

Einen kritischen Diskurs futuristischer und bereits bestehender Designs und ihrer Entwicklung liefert die gleichnamige Ausstellung im MAK Fashion Space.

Intelligente Textilien und smart clothes sind nichts Neues. Seit Jahrzehnten arbeiten WissenschafterInnen auf Hochtouren, um die Funktionalität von Materialien zu verbessern.  Doch wie sieht es mit dem aktuellen Stand der Forschung aus? Was wird heute in den Labors entwickelt, welche Anwendungen sind denkbar? Und – die wahrscheinlich wesentlichste Frage: Wie weit gehen die technischen Manipulationen? Bleiben sie auf Textilien beschränkt oder beziehen sie die menschliche Haut in ihren visionären Anwendungen als synthetische Erweiterung des Körpers mit ein?

Beziehungsgeflecht der Häute

Um diese Fragen kreist die aktuelle Ausstellung „Scientific Skin feat“, die noch bis 16. März 2014 im MAK Design Space zu sehen ist. „Ziel der Schau ist es, die bisweilen abstrakten Entwicklungen für die BesucherInnen erlebbar zu machen“, erklärte Thomas Geisler, Kustode der MAK-Sammlung Design, der gemeinsam mit Fashion Technologist Sabine Seymour die Intervention kuratierte.

Den Kern der Ausstellung bildet eine raumgreifende Intervention, die vom Londoner Design- und Entwicklungslabor Bare Conductive in Kooperation mit Fabio Antinori und Alicja Pytlewska gestaltet wurde. Die aus drei interaktiven Tapisserien bestehende Installation „Contours“ reagiert auf Berührung, aber auch schon auf kleinste Bewegungen in unmittelbarer Nähe, die zugleich als Metapher für die Belebung der zweiten Haut mittels Technologie zu lesen sei.

Zur Funktionsweise: Auf alle drei Bildteppiche wurden mittels einer von Bare Conductive entwickelten, elektronisch leitenden Farbe kapazitive Sensoren aufgetragen, die einem bestimmten Muster folgen. Durch Bewegung, also eine Veränderung der Energiekapazitäten, werden die Sensoren, sogenannte Touch Boards, ausgelöst, wodurch sich der Raumklang verändert und die Beziehung zwischen menschlichem Körper und manipulierter Textur begreif- und hörbar wird. Der technische Aspekt stehe dabei nicht im Vordergrund, so Geisler, vielmehr gehe es um das Erleben und die Überlegung, was wäre, wenn die Haut selbst solche Funktionen bekäme?

Die Ähnlichkeit der Muster der riesigen Tapisserien mit den bekannten geometrisch-abstrakten Entwürfen der Wiener Werkstätte ist dabei kein Zufall, korrelieren sie doch in gewisser Weise mit der technischen Darstellung. Indem das Designteam die leitfähige Farbe mit herkömmlichem Siebdruckverfahren kombinierte, entstand die typische Ornamentik, die in Verbindung mit den Sensoren die Bildteppiche zur Reaktion auf die Umwelt anregt.

 Darstellung durch Video- und Fotoarbeiten

Neben diesen zentralen Objekten der Schau vertiefen Fotografien und Videoarbeiten die gegenwärtige wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema „künstliche Haut“. Einen interessanten, wenngleich extremen Zugang liefern die ausgestellten Lookbooks und Objektfotos von Carol Christian Poell. Der österreichische Avantgarde-Modedesigner entwirft Kleidung und Accessoires aus transparent gegerbter oder mit Stierblut gefärbter Tierhaut. Sein grundlegendes Motiv beruht auf Nachhaltigkeit. Aus einer Dynastie aus Gerbern und Ärzten stammend, verfolgt Poell das Ziel, Tierhäute gentechnisch zu beeinflussen, um die Haut zur Gewinnung von Leder beliebig oft reproduzierbar zu machen, ohne Tiere töten zu müssen. Seine Entwürfe wirken – wohl nicht ohne Absicht – etwas makaber, wirft er doch in Hinblick auf die Tiere und deren Häute die Frage auf, wie es wohl wäre, würde der Mantel aus der eigenen Haut gefertigt.

Erweiterte Körpergrenzen und neue Sichtweisen

Auch die konzeptionellen Videoarbeiten „Skin Sucka“ von Studio XO und das Video „Swallowable Parfum“ von Lucy McRae beschäftigen sich damit, ob wir die biologischen Eigenschaften unserer menschlichen Haut ändern oder sogar neu programmieren wollen. Besonders anschaulich erweist sich die künstlerische Umsetzung wissenschaftlicher Forschung über die Mikrobiologie am Körper in den Arbeiten „Future Farm“ von Michael Burton sowie „Expanded Self“ und „Metabodies“ von Sonja Bäumel. Sie verdeutlichen, wie die Manipulationen am eigenen Leib – beispielsweise durch Auftragen einer Bakterienfarbe – die unsichtbare Oberfläche der Haut erkennbar macht, wodurch die Körpergrenze verschwimmt und neue Sichtweisen eröffnet.

Zu einem Exkurs in die „synthetische Biologie“, ein erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts geprägter Begriff, laden die Werke der Designerin Amy Congdon. Die Sichtweise dieses neuen Wissenschaftszweigs wurde wesentlich von der amorphen Datenverarbeitung beeinflusst, die künstliches Leben, Informatik und Bioinformatik integriert. „Noch vor einem Jahrzehnt schien epidermale Elektronik, die sich direkt auf der Haut anbringen lässt, unmöglich zu sein, heute wird sie bereits weltweit in Forschungslabors verwirklicht und birgt immense Potentiale, wie etwa die medizinische Überwachung des menschlichen Körpers mittels Sensoren“, erläuterte Seymour die Bedeutung der interdisziplinären Forschung in Bezug auf die Entwicklung intelligenter Materialien. Dieses Thema wird übrigens auf dem MAK-Blog fashion.MAK.at begleitend zur Ausstellung diskutiert.

MAK Fashion Lab #02
SCIENTIFIC SKIN feat.

Bare Conductive in collaboration with Fabio Antinori & Alicja Pytleska
MAK Design Space
www.mak.at

(Dagmar Buchta / austrianfashion.net, 08.03.2014)