Königin des Punk

Vivienne Westwood kreiert Mode mit sozio-historischen Bezügen. Die britische Designerin im Porträt.

„Mode hat immer etwas mit Sex zu tun“. Dass Vivienne Westwood diese – ihre berühmteste – Aussage ernst nimmt, zeigt die Modeschöpferin bis heute an der konsequenten Umsetzung ihrer Entwürfe. Hochgeschnürter Busen, betonte Hüften und Po (Cul de Paris) sowie Schwindel erregende High-Heels prägen den Stil, der gemeinhin mit Vivienne Westwood verbunden wird. Eine Beschreibung, die sich zwar als punktgenau, aber dennoch verkürzt erweist. Denn der ungemeinen Vielfalt und dem Tiefgang ihrer Kollektionen – sowohl soziologisch als auch modehistorisch – wird sie nicht gerecht.

„Nichts ist altmodischer als der Zeitgeist“

Unorthodox, unverwechselbar und deshalb extrem umstritten. Bei Vivienne Westwood scheiden sich die Geister wie bei kaum einer anderen Designerin. Wenn sie postuliert „Nichts ist altmodischer als der Zeitgeist“, provoziert sie damit die von ihr als „schrecklich“ kritisierte „schlampige Mittelmäßigkeit, die allzu oft anzutreffen ist“. Während Westwood GegnerInnen sie “shoking“ finden, sind ihre Fans von der Schrill- und Schrägheit begeistert, loben ihre geniale Gegenwartskritik und ihren fantasievollen Mut, der über bloße Provokation weit hinaus geht.

Von der Lehrerin zur Designerin

Dabei begann die Aufsehen erregende Karriere der Westwood ganz harmlos und eher trist. Geboren am 8. April 1941 in Tintwistle, einem Dorf in der Nähe von Manchester, wuchs Vivienne Isabel Swire in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Familie – die Mutter Weberin, der Vater Schuhmacher – zog 1958 nach Harrow, nahe London, wo Vivienne ein Semester lang Mode und Silberschmiedekunst an der Art School belegte. Eine Zukunft als Designerin konnte sie sich damals nicht vorstellen und absolvierte daher eine Ausbildung zur Lehrerin. Ab 1961 unterrichtete sie an einer Volksschule im Norden Londons, wo sie ihren ersten Ehemann, Derek Westwood, kennenlernte. Ein Jahr später heiratete sie den Werkzeugmacher, bekam ihren Sohn Benjamin Arthur und ließ sich nach drei Ehejahren wieder scheiden.

Bald darauf verliebte sich Vivienne Westwood in Malcolm McLaren, den Manager der Sex Pistols, der ihr durch seinen unkonventionellen Kleidungsstil aufgefallen ist. Ihr zweiter Sohn Joseph Ferdinand Corré wurde geboren und ziemlich gleichzeitig die Wurzeln für ihre Designkarriere gelegt. Als Mutter zweier Söhne begann sie, eigene Kleidung zu schneidern. Um den Schnittmustern auf den Grund zu gehen, zerlegte sie Gewänder, die ihr gefielen und nähte sie dann wieder in neuer Form zusammen. Aus dieser Tätigkeit entwickelte sich die Idee, einen eigenen Shop zu gründen. „Let it rock at Paradise Garage“ hieß die Boutique, die sie dann gemeinsam mit McLaren führte. Mode der 1950er-Jahre, vor allem Teddyboy-Anzüge, wurden angeboten. 1973 wurde das Geschäft in “Too fast to live, too young to die“ mit Rockerkleidung umbenannt, ein Jahr später in „Sex“. Jetzt gab es Fetischartikel, Lack, Leder  und Latex – alle Stücke von Westwood selbst entworfen und genäht.

Anleihen aus der Kostümgeschichte

Ihre erste Kollektion für den Laufsteg entwarf sie 1981: Wallende Hosen und Rüschenhemden, die sie „Piraten-Linie“ nannte und die sogleich in der internationalen Welt der Mode für Aufsehen sorgte. Und auch 1982, als mit dem „Buffalo-Look“ erstmals eine Westwood-Kollektion in Paris zu sehen war, erhielt sie standing ovations. Als 1984, dem Jahr ihrer Trennung von McLaren, der sogenannte „Power-Look“ auf den Laufstegen kulminierte, schockierte Vivienne Westwood mit opportunistischen „Mini-Crini“-Modellen, die eine extremweibliche Silhoutte zeigten: Polsterungen an Brüsten, Hüften und Gesäß. 1987 machte sie das Mieder wieder salonfähig und 1984 stellte sie in ihrer Kollektion „Erotic Zones“ den Cul de Paris in den Mittelpunkt: ein Abendkleid, bei dem der Steiß aus gebauschtem Stoff nach oben verlagert und der eigentliche Cul blank gezeigt wurde.

Mode für Mannsbilder

Da die Männer, so Westwood, gegenwärtig wesentlich weniger Möglichkeiten zum modischen Ausdruck ihrer Persönlichkeit hätten als in der Vergangenheit,  nahm sie sich ab den 1990er-Jahren auch der Herrenmode an. Ihre erste Kollektion präsentierte sie 1990 in Florenz: Höfische Gewänder vergangener Jahrhunderte – pfauengleiche stattliche Mannsbilder und Pagen in Pumphosen – waren ihr Vorbild. Auch die „Martyr of Love“-Linie aus dem Jahr 1996 fuhr mit fantasievollen Jacken, Perlen- und Pailletten bestickt, auf.  In den 1990er-Jahren legte sie übrigens auch privat einen Neubeginn hin: 1992 heiratete sie den um 25 Jahre jüngeren Tiroler Andreas Kronthaler, der bei ihr Modegestaltung an der Wiener Universität für Angewandte Kunst studiert hatte.

Auszeichnungen und Professuren

Heute zählt Vivienne Westwood zur Crème de la crème der ModeschöpferInnen. Bereits zweimal, 1990 und 1991, wurde sie zur britischen Modedesignerin des Jahres gewählt. Von Königin Elizabeth II. wurde sie 1992 mit dem Titel „Order of the British Empire“ bedacht und 2006 zum Ehrenmitglied des Royal College of Art ernannt. 2004 wurde sie mit dem World Fashion Award ausgezeichnet und 2005 Ehrensenatorin der Universität der Künste Berlin.

Ende der 1980er-Jahre wurde sie zur Gastprofessorin berufen, zunächst für drei Jahre an die Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und 1993 an die Hochschule der Künste in Berlin.

Inzwischen besitzt Vivienne Westwood Verkaufsstätten in London, Paris und Tokio. Sie vertreibt ein eigenes Schottenmuster namens „Mac Andreas“, ist mit Bademoden, Brillen, den Parfummarken „Boudoir“ und „Libertine“ sowie der Körperpflegeserie „Les Coquetteries“ auf dem Markt.

(Dagmar Buchta/derStandard.at, 08.04.2010)