Die Brustverbesserer

Die Geschichte des Büstenhalters führt in die Antike: Von der „Fascia pectoralis“ Wonderbra und Push-up.

Heute ist er wieder „in“ wie schon lange nicht mehr. Der Büstenhalter, kurz BH genannt (frz. „brassière“, Abk. „bra“ für Leibchen). Nach seiner ideologischen Verpönung in den 1970er- und 1980er-Jahren, feierte er in den 1990ern ein glamouröses Comeback, das die Modehistorikerin Ingrid Loschek auf den modischen Einfluss von Popstar Madonna zurückführt. Seither boomt das Angebot an Wonderbras mit Einlage, Push-up-bras mit Bügel und nicht zu vergessen an Korsagen.

Der BH hat eine lange und ebenso unkontinuierliche Geschichte hinter sich. Bereits für die Antike bestehen Hinweise auf sogenannte Brustbinden, „Fascia pectoralis“ genannt, die von Griechinnen und Römerinnen getragen wurden. Nach einer Unterbrechung im Mittelalter, von dem kein BH-ähnliches Kleidungsstück bezeugt ist, wurden erst Mitte des 17. Jahrhunderts Verstärkungen des Kleideroberteils und die Hebung der Brüste durch das Korsett in der Oberschicht üblich.

Kunstbusen zum Umbinden

Zwischen dem Ende des 18. Jahrhundert und dem Empire (1800 – 1820) kleidete sich die modebewusste Frau à la Grecque, d.h. sowohl steife als auch geschnürte Oberteile waren aus der Mode gekommen und weiche, natürliche, wie nackt wirkende Formen wieder en vogue. In Anlehnung an die antike Brustbinde kam das unversteifte Brustleibchen auf. Doch auch mit dieser neuen Natürlichkeit war es bald wieder vorbei und die gängige Chemise (Unterhemd), welche die Brustform nach damaligem Empfinden zu genau wiedergab, wurde wieder verworfen. An seine Stelle trat der künstliche Busen zum Umlegen bzw. Einstecken: Das Vorbild für Wonderbra und Silikoneinlagen war erfunden.

Diese sogenannten Brustverbesserer in Form von Wattierungen blieben während des gesamten 19. Jahrhunderts erhalten und wurden über dem Korsett getragen, welches hundert Jahre hindurch (1810 – 1910) zum nicht wegzudenkendem Untergewand der Frau gehörte. Eine Ausnahme bildete allerdings die Zeit des Reformkleides (1898 – 1910), unter dem ein loses, unversteiftes Brustleibchen mit einem Hüftgürtel getragen wurde.

BH-Patente

Bereits 1891 hatte der Industrielle Hugo Schindler ein Patent für ein Brustleibchen angemeldet. Christine Hardt folgte 1899 mit einem weiteren Patent für ein „Frauenleibchen als Brustträger“ und 1904 die BH-Erfindung des Korsettmachers Wilhelm Meyer-Ilscher. 1912 wurde der „Hautaner-Brusthalter“ als „BH ohne Versteifung auf der Haut zu tragen“ von Sigmund Lindauer patentiert.

Erst im Jahr 1916 tauchte der Begriff „Brassière“ für ein Leibchen auf, das die Brüste eigens stützte. Als jedoch in den 1920er-Jahren die androgyne Silhouette modern war und der Busen dementsprechend flach und knabenhaft erscheinen sollte, wurde entweder auf einen BH zur Gänze verzichtet – „Garconne-Mode“ – oder flachmachende Büstenhalter aus Seide, Batist Musselin oder Leinen getragen. Kurz darauf, in den 1930er-Jahren, erlebte das Korsett, diesmal mit einer die Brust unterstützenden Funktion, ein neuerliches Revival. Die Körbchen waren mit Absteppungen, Auflagen und Versteifungen versehen, die den Brüsten eine spitze und auseinander stehende Form verliehen.

„No-bra“-Bra

Eine weitere Neuerung brachten die 1950er-Jahre. Der BH wurde nun aus zwei dicht neben einander liegenden, von halbkreisförmigen Metallbügeln gerahmten Körbchen – desöfteren mit Schaumstoffeinlagen – aus Nylon oder Perlon bzw. Blumen gemustertem Jacquarddamast hergestellt. In den 1960ern blieb der Körbchen-BH mit Verschluss an der Vorderseite zwar in Mode, gleichzeitig kam jedoch auf Anregung des Designers Rudi Gernreich der „No-bra“-Bra (kein BH-BH) auf, der sich im Zuge des Transparent-Looks von 1968 in den 1970ern durchsetzte. Dabei handelte es sich um einen BH ohne Einlage, Versteifungen und Nähte, aus dünnem, durchsichtigem Material gefertigt, der sich durch einen hohen Tragekomfort auswies und aufgrund seiner Dehnbarkeit als One-Size-BH in die Geschichte einging.

Eine Wende brachten die Proteste der Neuen Frauenbewegung gegen einengende Frauen- und Körperideale. Das Verbrennen des BHs und das freie Schwingen der Brüste wurden als Zeichen der Emanzipation gewertet. Bis zu den eingangs zitierten extremen Betonungen des Busens durch Wonderbra und Push-up lagen bald darauf die nahtlosen Büstenhalter – eine Zeit lang mit durchsichtigen Plastikträgern – im Trend. Heute dürfen BHs auch sichtbar unter transparenten Oberteilen oder als Akzentsetzung über T-Shirts und Blusen nach dem Vorbild von Vivienne Westwood getragen werden. (dabu)