Codes of Fashion

Was Mode alles sein kann, erzählen drei sehr differente Bücher

„Mode ist viel mehr als das, was Designer machen“, schreibt Jan Kedves in seinem Buch „Talking Fashion“. Sie ist Teil der Kultur, eine Art Sprache oder Code, Ausdrucksmittel, Leidenschaft und manchmal auch Kunst. Wer das Phänomen Mode begreifen will, müsse daher alle assoziierten Felder mit in den Blick nehmen und fragen, „wie Kleider von Fotografen inszeniert und von Models und Stars getragen werden, wie Journalisten und Blogger über Kollektionen schreiben und wie Konglomerate ihre Labels vermarkten“. Mit ins Bild gehören auch die Arbeiten von KuratorInnen, die Mode ausstellen, sowie jene von TheoretikerInnen und HistorikerInnen, die sich mit den verschiedenen Moden und ihren wechselnden Trends unter einem wissenschaftlichen Gesichtspunkt beschäftigen.

Differente Einblicke in die Modewelt

Um dem gerecht zu werden, sprach der Journalist mit 25 ProtagonistInnen aus den verschiedensten Bereichen: mit ModedesignerInnen wie Pierre Cardin, Raf Simons, Helmut Lang, Iris van Herpen, Damir Doma, Miguel Adrover, Walter Van Beirendonck, Bless, Bernhard Willhelm und Rick Owens. Gespräche führte er auch mit der Modehistorikerin Valerie Steele, der Modetheoretikerin Barbara Vinken, den FotografInnen Jürgen Teller, Nick Knight, Viviane Sassen und Bruce Weber sowie mit Mode-Illustrator Jean-Paul Goude, Mode-Situationist Malcolm McLaren, Dokumentarfilmer Loïc Prigent, Laufstegtrainer Willi Ninja, Kostümbildner Zaldy, Modebloggerin Diane Pernet, Hairstylist Charlie Le Mindu, Modenschau-DJ Michel Gaubert und dem Model Veruschka.

Im Fokus der Gespräche, die zwischen 2005 und 2013 stattfanden, steht nicht der übliche Austausch zu den neuesten Trends, Farben oder Formen, sondern eine substanzielle Auseinandersetzung mit dem Phänomen Fashion. Persönliche Erfahrungen mischen sich mit kritischen Reflexionen und Anekdoten. So erfährt man zum Beispiel, wie Raf Simons’ Begeisterung für Techno in seiner Arbeit Ausdruck findet, ob Jürgen Teller mit seiner Kamera möglicherweise manchmal übers Ziel schießt, wie Zaldy beim Design eines Bühnenkostüms für Lady Gaga vorgeht und worin sich das Wesentliche des Pariser Stils für Barbara Vinken zeigt.

Individuelle und gesellschaftliche Fragestellungen

Doch auch gesellschaftspolitische Entwicklungen werden erörtert. Beispielsweise die sich wandelnde Bedeutung des Körpers: Sind Kleider in Zeiten des omnipräsenten Bodystylings noch dazu da, dem Körper Haltung zu verleihen, oder muss der trainierte Körper die Haltung selbst erschaffen, und die Kleider bringen diese Bearbeitung „bloß“ zur Geltung? Debattiert werden auch die Auswirkungen der fortschreitenden Digitalisierung: Welche Folgen haben Photoshop, 3D-Printing und Blogging auf die Mode? Und – eine weitere wesentliche Frage: Wie wird es künftig mit den ökonomischen Bedingungen ausschauen? Ist es einem unabhängigen Modelabel künftig überhaupt möglich, im neuen Jahrtausend zu überleben?

Das Interessanteste dabei: Die Interviews befördern ein mannigfaltiges, äußerst differenziertes Verständnis von Mode an die Oberfläche, das dem üblichen Vorurteil der einheitlichen Einfältigkeit Modemachender und mit ihr in irgendeiner Weise Beschäftigter diametral gegenübersteht. Möglicherweise liegt dieser wohltuende Beweis in den klugen und einfühlsamen Fragestellungen von Jan Kedves begründet, der wie er schreibt, in seinen Gesprächen „immer das Interesse an der betreffenden Person, ihrem Schaffen und ihrer individuellen Sicht auf die Mode“ in den Vordergrund stellte.

Talking Fashion. Von Helmut Lang bis Raf Simons: Gespräche über Mode
Jan Kedves, Prestel Verlag 2013, € 24,95

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Mode eine bloße Laune der Kultur? Mitnichten, meint Barbara Vinken. In ihrem Buch „Angezogen“ beschreibt die Modetheoretikerin die wechselnden Moden als ein differenziertes Zeichensystem, das die kulturellen und gesellschaftspolitischen Bedingungen der Geschlechter widerspiegelt und in ihrem Ausdruck sogar noch verstärkt. Ein einziger Blick auf die Streetwear beweist es: Männer treten nach wie vor zum Großteil im Anzug oder in Hose, Sakko und Blouson auf, meist in gedeckten Farben. Also gewissermaßen uniformiert und unscheinbar, wobei ihre Geschlechtlichkeit im Sinne sexueller Attribute unkenntlich, ja nahezu verborgen bleibt. Im Vergleich dazu offenbare die Frauenkleidung das genaue Gegenteil.

Alles andere als unisex

Denn auch dann, wenn Frauen in „männliche Kleidungsstücke“ wie Hosen und Anzüge schlüpfen, sei es ihnen unmöglich, das „Weiblich-Weibische“ hinter sich zu lassen und androgyn oder asexuell zu werden, wie es emanzipatorische Befreiungsbestrebungen beabsichtigt hatten. Der Clou dabei: Die Versuche des Abwerfens alter Einengungen in der weiblichen Mode wie beispielsweise des Korsetts hätten zu immer wieder neuen Inszenierungen zur Betonung der weiblichen Silhoutte geführt. So rückten im Falle der Hosen nicht nur die Beine, die nun schlank, lang und länger sein sollen, ins für alle sichtbare Blickfeld, sondern auch Po und Genitalien. Diese Angleichung an „Männlichkeit“ habe paradoxerweise, entgegen der ursprünglichen Intention, mehr als je zuvor den weiblichen Körper in den Fokus der genauen Betrachtung gestellt, von dem nun verlangt werde, trainiert und mit dezenten Muskeln ausgestattet zu sein. Dadurch sei eiserne Disziplin mit dem ganzen Programm an Sport und Diäten für die Frauen zum neuen Auftrag geworden.

Und so sei die Geschichte der weiblichen Mode auch im Hinblick auf die Unisex-Mode keine „Erfolgsgeschichte einer Subjektwerdung nach männlichen Mustern“, sondern erzähle „vom Objektwerden des Weiblichen, von Entfremdung, Verdinglichung und Fetischisierung“. In dieser Perspektive würde die Mode hemmungslos die sinnliche Erscheinung der Frauen, die nichts anderes mehr sei als die hergerichtete Hülle, bekräftigen. „Während Männer zu selbstbestimmten, geschichtsmächtigen Subjekten geworden sind, ist Weiblichkeit zur Ware und die Ware weiblich geworden“, so die Autorin. Speziell an der Unisexmode würde die Gleichheit von Frau und Mann zur Farce werden. Sie sei nicht nur „alles andere als unisex“, sondern unterstreiche im Gegenteil gerade das, was die Geschlechter trennt, und verschärfe dadurch die Differenz.

Angezogen. Das Geheimnis der Mode
Barbara Vinken, Klett-Cotta 2013, € 20,50.

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 „Der deutschen Mode entkommt man nicht mehr“, meint Patricia Riekel, die mit „new faces of fashion“ einen über 500 Seiten starken und reich illustrierten Band über die angesagtesten ModedesignerInnen Deutschlands vorlegt. Der bunte Reigen dieser NewcomerInnen reicht von A wie ALINASCHUERFELD über B wie BALAGANS, D wie Die schöne Lachsin, F wie Florian Wowretzko, G wie GLAW, J wie JANA SCHLEGEL, K wie Karin Brettmeister, L wie LENA HASIBETHER, M wie MAISON SUNEVE, O wie Olga Weiser, P wie PERRET SCHAAD, R wie RITA IN PALMA, S wie Steinrohner, T wie TULPEN, V wie Vivienne Appelius bis W wie wkndlvrs.

Individuelle Mode-Statements

Insgesamt sind es 35 Labels, die hier in kurzen Porträts, dafür mit umso großzügigerer Bebilderung in Szene gesetzt werden und einen anschaulichen Einblick in das Schaffen der ModeschöpferInnen bieten. Die angeschlossenen Interviews sind aber das wirklich Interessante, geben sie doch in teils sehr offen-ehrlicher Weise Aufschluss über deren Intentionen, Ideale, Träume und auch Ängste. Sie erzählen von Hürden, Stress, Unsicherheit und den oft steinigen Weg ins Modebusiness. Denn bekanntlich reichen wilde Entschlossenheit und emsiger Fleiß nicht aus, um den Einstieg zu schaffen. Wer den Mode-Olymp besteigen will, müsse aus der Masse hervorstechen und den strengen Auswahlverfahren von Modeschulen, Jurys und Fashion-Awards standhalten.

Und auch danach sei es nicht immer leicht. Die wenigsten JungdesignerInnen könnten in den ersten Jahren von den Früchten ihrer Arbeit leben. Leidenschaft und Leidensfähigkeit seien also gefragt. Wie es die in diesem Buch Porträtierten dennoch geschafft haben, welche Ideen sie verfolgen und worauf sie weiterhin setzen, erfährt man genauso wie beispielsweise, was in keinem Kleiderschrank fehlen sollte.

new faces of fashion
hg. von Patricia Riekel, mit Beiträgen von Maria Keilig und Eva Krotzke
Alt & Cramer 2013, € 29,95.

(Dagmar Buchta / austrianfashion.net, 01.02.2014)