Auf den Leib genäht

Gehört das Business-Kostüm aus der Maßschneiderei für Frauen heute zum Alltag? Oder ist es bereits obsolet?

Was für Männer in bestimmten Positionen gewissermaßen Usus ist – nämlich zum Maßschneider zu gehen und sich einen Anzug anmessen zu lassen, der so perfekt sitzt wie eine zweite Haut – erweist sich für Frauen auf vergleichbaren Karriereleitern als Ausnahme. AUSTRIANFASHION.NET fragte bei Maßschneiderinnen nach, warum das so ist und welche Anliegen die Kundinnen mitbringen.

 Das klassische Business-Outfit ist ein Relikt von gestern

„Business-Mode ist für die Frauen, die zu mir kommen, nur selten ein Thema“, berichtet Martina Salner, die seit dreizehn Jahren ihr „Atelier für feine Maßarbeit“ in der Kettenbrücke nahe das Wiener Naschmarkts betreibt. Ein klassisches Kostüm oder ein Hosenanzug werde so gut wie nie verlangt. Den Grund dafür ortet die geprüfte Damenkleidermacherin, die zusätzlich zur Maßschneiderei zweimal jährlich eigene Kollektionen unter dem Label „Ready-made“ herstellt, darin, dass sich Frauen nicht so gern uniformieren wie das Männer tun. Während der berufliche Status eines Mannes nur allzu oft verlange, gewissermaßen einheitlich perfekt zu sein, sei das Feld der Mode für Frauen auch im Beruf viel breiter: „Erlaubt ist fast alles, was gefällt“.

Eine Ansicht, die auch Sibylle Bauer-Schmidt teilt: „In den 1980er-Jahren war es ja noch so, dass Frauen mit den typischen Business-Outfits die Männer kopiert haben, aber jetzt sind wir glücklicherweise schon so weit emanzipiert, dass wir das nicht mehr brauchen. Auch Frauen in höheren Positionen werden in ‚weiblicher’ Kleidung ernst genommen“. In ihrer Schneiderwerkstatt bietet Sibylle Bauer-Schmidt ebenso wie Martina Salner beides an: Maßarbeit und Modedesign, wobei sie bei ihrem Label „Gemini Universe“ auf speziell für ihre Kollektionen erzeugte Strickstoffe setzt. Zusätzlich entwirft und produziert sie Ausstattungen für Film-, Werbe- und TV-Produktionen.

Doch es sind nicht nur kultur- und geschlechtsspezifische Normierungen, die Frauen so gut wie nie zu maßgefertigter Business-Kleidung greifen lassen, sie tun es überhaupt seltener. Und das liegt vor allem an den Kosten, die im Vergleich zum Herrenanzug höher sind. Denn ein Maßschneider mit Spezialisierung auf Anzüge könne weitaus rationeller – und damit zu einem günstigeren Preisniveau – arbeiten, erklärt Martina Salner. „Bei der Herstellung eines Anzuges geht es im Prinzip nur um Varianten wie Bundfalten, Stulpen, Faconen, ist die Jacke ein Frack oder ein Blazer etc., die Basis bleibt ja quasi die gleiche“. Dazu komme, dass Maßschneider häufig auf Schnitte verzichten und direkt auf den Stoff zeichnen. Derartige Adaptionen seien in der Produktion von Damenkleidung nicht möglich oder bedürften eines größeren Aufwands.

 Individualität hat höchste Priorität für die Kundin der Maßschneiderei

Wenn Frauen in die Maßschneiderei kommen, dann werden sie normalerweise von zwei Motiven geleitet, so der einstimmige Tenor der Meisterschneiderinnen: Sie haben die ewig gleiche Stangenware in Boutiquen satt und suchen etwas Einzigartiges und Unverwechselbares. „Es kommen vor allem Frauen ins Atelier, die mit Kleidung ihre Individualität betonen wollen“, erzählt Martina Salner. Anlässe für ein auf den Leib geschneidertes Gewand sind zumeist Feste wie Bälle, Hochzeiten, Promotionen, Theaterpremieren etc., wo die Kundinnen nicht das Risiko eingehen möchten, im gleichen Kleid wie Frau XY aufzutauchen, sondern „sicher sein, dass nur sie dieses Stück haben und sonst niemand“, ergänzt Sibylle Bauer-Schmidt. Für diese Gewissheit, ein uniques Kleid zu tragen, greifen sie gerne tiefer ins Börsel. Denn logischerweise haben die maßgeschneiderten Teile ihren Preis. Da kann für ein Kleid oder einen Zweiteiler schon mal ein Tausender berappt werden, für ein Ball- oder Hochzeitskleid entsprechend mehr.

 Das Eingehen auf die Kundin ist bei Kleidung nach Maß das Wesentliche

„Manche Kundinnen kommen mit konkreten Vorstellungen“, sagt Martina Salner, „und haben ein Bild aus einer Zeitschrift oder eine Zeichnung mit“. Andere wiederum bringen einen Stoff und sind noch unschlüssig, was daraus entstehen könnte. Oft wüssten sie nur, dass es ein Rock, eine Jacke, ein Kleid … sein soll, haben aber noch keine Vision von der Schnittführung. Nun ginge es darum, zu beraten, Stoff und Modell so zusammenzustellen, dass sie harmonieren und mit der Figur der Kundin eine Einheit bilden. Martina Salner entwirft in der Regel bis zu zehn Vorschläge, die sie der Kundin vorlegt. Bei der Stoffauswahl bevorzugt sie Seiden, Baumwolle und Tweed aus England und Deutschland. Manchmal muss aber auch der gute alte Komolka als Bezugsquelle herhalten.

Auf den greift auch Sibylle Bauer-Schmidt ab und zu zurück, genauso wie auf internationale Großhändler und natürlich – vorausgesetzt es passt zum Stil des Modellkleides – auf ihre Strickstoffe aus Oberösterreich. Das Besondere an der Maßarbeit sei das totale Eingehen auf die Kundin. Das gefertigte Stück müsse hundertprozentig deren Wünschen entsprechen, so dass sie sagen kann: „Ich trage nicht Bauer-Schmidt, sondern das ist mein Kleid“. Darauf lege sie den größten Wert, betont Sibylle Bauer-Schmidt, ihre Kundinnen zufrieden zu stellen. Das ist auch die Absicht von Martina Salner: „Ich will den Frauen was Gutes tun. Ich möchte, dass sie mit etwas Schönem rausgehen“.

Ready-made
Martina Salner – Atelier für Mode und Maßarbeit
Kettenbrückengasse 14, 1040 Wien
Tel. +43 664 1626299
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18, Sa 11-16
http://www.ready-made.info

Gemini Universe
Sibylle Bauer-Schmidt Schneiderwerkstatt
Otto-Bauer-Gasse 11, 1060 Wien
Tel. +43 699 11333666
Öffnungszeiten: Mo-Sa 10-18
www.bauerschmidt.at

(Dagmar Buchta/austrianfashion.net, 02/2013)